Bestimmt hast du schon von Entspannungsübungen gehört oder selbst nach welchen gesucht. Atemübungen, kleine Rituale und Techniken für stressige Momente. Es gibt viele davon, und gut gemeint sind sie alle.

Bevor du weiterliest, möchte ich kurz etwas mit dir ausprobieren. Nur zwei Minuten, versprochen.

Nimm drei tiefe Atemzüge und atme dabei durch die Nase ein und durch den Mund wieder aus. Probiere es direkt aus. Wie fühlt sich dein Körper gerade an?

Jetzt nochmal, nur mit einer kleinen Änderung. Wieder drei tiefe Atemzüge, durch die Nase ein und durch den Mund wieder aus. Und diesmal stellst du dir bei jedem Einatmen vor, wie du inneren Frieden einatmest, der sich in deinem ganzen Körper ausbreitet. Beim Ausatmen lässt du alle Sorgen des Tages los und pustest sie weg. Wie fühlt sich das an? Verglichen mit vorhin?

Genau dieser Unterschied ist es, um den es in diesem Artikel geht. Es geht darum, warum manche Übungen uns wirklich erreichen und in uns Entspannung auslösen und andere uns einfach nicht erreichen.

Inhalte im Überblick


Warum Worte in Stressmomenten oft zu spät kommen

Stell dir dein Nervensystem wie ein Alarmsystem vor. Solange alles ruhig ist und einigermaßen nach Plan funktioniert, läuft es im Hintergrund. Aber sobald sich Stress, Lärm oder Überforderung aufstauen, springt der Alarm an. Und ein Alarmsystem, das gerade piept, ist nicht mehr empfänglich für ruhige Erklärungen.

Genau das passiert in aufgewühlten Momenten gleichzeitig bei dir und bei deinem Kind. Sätze wie „Beruhig dich“, „Atme mal tief durch“ oder „Jetzt reg dich nicht so auf“ sind gut gemeint, sprechen aber nur den Kopf an. Der Kopf wiederum ist in diesem Moment nicht der richtige Ansprechpartner, denn Stress sitzt nicht im Verstand, sondern im Körper.

Wenn das Nervensystem angespannt ist, braucht es zuerst eines: Sicherheit. Da helfen keine Anweisungen, Technik und auch keine neue Methode, sondern das Gefühl, dass gerade alles okay ist, auch wenn es sich nicht so anfühlt.

Kinder können in solchen Momenten ihre Gefühle noch nicht logisch einordnen. Sie wissen nicht, warum sie so aufgewühlt sind, können es noch nicht in Worte fassen und sich vor allem noch nicht selbst regulieren. Das lernen sie erst Schritt für Schritt mit unserer Unterstützung.

Und wir Mamas? Ganz ehrlich: Wenn der eigene Kopf überläuft, geht es uns nicht anders. Auch wir sind dann nicht mehr gut über Worte erreichbar. Im Gegenteil. Solche Sätze wie „Beruhig Dich“ und „Atme mal tief durch“ können uns in diesen Momenten noch mehr auf die Palme bringen. Was dann helfen kann, ist ein anderer Zugang, und der führt über Bilder.

Warum unser Gehirn stärker auf Bilder reagiert als auf Worte

Unser Gehirn verarbeitet Bilder anders als Sprache, nämlich schneller, direkter und vor allem körperlicher.

Ein einfaches Beispiel, das du wahrscheinlich kennst: Stell dir vor, du beißt in eine Zitrone. Saftig, sauer, das Fruchtfleisch zwischen den Zähnen. Was passiert? Dein Mund reagiert, obwohl keine Zitrone da ist. Das zeigt: Vorstellung ist nicht „nur Fantasie“. Sie kann körperlich wirksam werden.

Entspannungsübung für Kinder mit Zitrone Ruhehöhle

Was ich hier beschreibe, hat sogar einen Namen: Visualisierung, oder auch imaginative Verfahren genannt. Und sie ist längst wissenschaftlich anerkannt, auch speziell für Kinder. In der Kinder- und Jugendpsychiatrie werden imaginative Entspannungsverfahren wie Phantasiereisen seit Jahren erfolgreich eingesetzt, besonders bei Grundschulkindern, um emotionale Spannungen abzubauen und eine wichtige Grundlage für Selbstregulation zu schaffen. Neurologische Befunde bestätigen dabei, dass durch Visualisierungen dieselben Gehirnareale aktiviert werden wie durch konkret erlebte Erfahrungen.

Anders gesagt: Dein Gehirn unterscheidet nicht zuverlässig zwischen etwas, das du dir vorstellst, und etwas, das du wirklich erlebst. Und genau das macht Bilder so kraftvoll, nämlich für dich als Mama und für dein Kind.

Genau das macht innere Bilder so wertvoll. Ein Bild von einem sicheren Ort, einem inneren Anker oder einem ruhigen Hafen kann dein Nervensystem beruhigen, ohne dass du lange erklären oder anleiten musst. Es wirkt schneller als jeder gut gemeinte Satz.

Kinder denken in Bildern – das ist ihre Stärke

Kinder leben in Bildern, Symbolen und Fantasie. Eine Decke wird zur Höhle, ein Sofa zum Schiff und ein Stock zum Zauberstab. Das ist ihre natürliche Sprache.

Genau deshalb erreichen wir Kinder in schwierigen Momenten oft viel leichter über bildhafte Sprache als über Erklärungen. Nicht „Du musst jetzt ruhig sein“, sondern „Komm, wir pusten die Wut gemeinsam weg“. Nicht eine Anweisung, sondern eine Einladung.

Bilder geben Kindern etwas, woran sie sich festhalten können. Sie machen Gefühle greifbar. Vor allem dann, wenn ein Kind noch nicht die Worte dafür hat.

Wut kann ein Gewitter sein, das durchzieht und wieder aufklart. Angst kann ein kleiner Igel sein, der sich einrollt und langsam wieder streckt. Ruhe kann eine Höhle oder ein Hafen sein.

Das Bild muss dabei nicht aus einem Buch stammen oder einer bestimmten Methode folgen. Es muss einfach zum Kind und zum Moment passen.

Dein Kind liebt Tiere? Dann werdet ihr kurz zum Schmetterling. Die Arme bewegen sich langsam auf und ab wie Flügel, der Atem folgt dem Rhythmus. Rauf einatmen, runter ausatmen.

Dein Kind liebt Fußball? Dann atmet ihr zusammen wie vor dem entscheidenden Elfmeter: tief einatmen, kurz halten, langsam ausatmen. Konzentration statt Chaos. Und dann? Ein Schuss in die Luft.

Dein Kind ist Pokémon-Fan? Dann macht einfach den Donnerblitz von Pikachu. Atmet tief ein und atmet auf „Zzzzzzzzzzz“ wieder aus.

Mit ein bisschen Übung und Fantasie wird aus jedem Lieblingsthema deines Kindes ein kleiner Entspannungsmoment. Und das ganz nebenbei, mitten im Alltag.

Gedanken, Gefühle, Körper: Alles hängt zusammen

Wichtig zu verstehen ist, dass deine Gedanken, Gefühle und dein Körper keine getrennten Welten sind. Sie beeinflussen sich ständig gegenseitig in beide Richtungen.

Wenn du morgens aufwachst und der erste Gedanke ist „Heute wird wieder so anstrengend“ (gib zu, den Gedanken hast du auch oft?), zieht sich etwas in dir zusammen, noch bevor der Tag überhaupt begonnen hat. Wenn du mittendrin denkst „Gleich eskaliert das Ganze schon wieder“, reagiert auch hier dein Körper: Die Stimme wird fester, dein Atem flacher und der ganze Körper spannt sich an. Versuch das nächste Mal in solchen Situationen darauf zu achten, was mit deinem Kiefer und deinem Nacken passiert und du wirst sofort verstehen, was ich meine.

Und dein Kind? Es nimmt diese Spannung wahr. Kinder sind hochsensibel für die emotionale Verfassung ihrer Bezugspersonen, schon lange bevor überhaupt ein Wort gesprochen wird.

Andersherum funktioniert es genauso. Ein ruhiges inneres Bild, ein Anker oder ein sicherer Ort kann deinen Körper in eine andere Richtung lenken. Nicht als Zaubertrick oder sofortige Lösung, aber als kleiner innerer Richtungswechsel, der Raum schafft.

Denn diese Bilder schaffen einen kurzen Abstand zwischen Reiz und Reaktion. Und genau in diesem Abstand liegt ein kleiner, aber echter Moment der Wahlfreiheit. Der Moment, in dem du nicht einfach automatisch reagierst, sondern kurz inne hältst.

Und genau das überträgt sich auf deinen Atem, deine Stimme und letzten Endes auch auf dein Kind.

Entspannung ohne Druck: Warum ich auf Bilder und Spiel setze

Als Mama von drei Kindern, Kindheitspädagogin sowie zertifizierte Yoga-, Entspannungs- und Achtsamkeitstrainerin arbeite ich nun schon seit über zehn Jahren mit Kindern und Familien. Und eines erlebe ich dabei immer wieder, beruflich wie privat: Druck macht selten ruhiger.

Wenn Entspannung zur Aufgabe wird oder zur nächsten Sache auf der Liste, die jetzt bitte unbedingt klappen soll, dann ist sie definitiv keine Entspannung mehr. Dann ist sie Stress, nur in einem neuen Gewand.

Gerade deshalb arbeite ich so gerne mit Bildern, Ankern und spielerischen Zugängen. Mit dem sicheren Hafen, den man innerlich aufsuchen kann oder dem Anker, der dir Sicherheit gibt, wenn alles um dich herum in Bewegung ist. Mit kleinen Symbolen und Geschichten, die keine Erklärung brauchen.

Diese Zugänge sind vor allem für Kinder viel spielerischer und greifbarer. Sie laden ein, statt zu fordern. Aber auch für dich als Mama ist es wesentlich einfacher, dir einen Ort vorzustellen und so in die Entspannung zu kommen. Erinnere dich an die Übung ganz zu Anfang zurück.

Der erste Schritt: Einfach ausprobieren

Falls du dich nun fragst, wie du genau das in deinen Alltag integrieren kannst, habe ich ein Geschenk für dich: Mein E-Book für 0€

„Erste Hilfe bei Stressmomenten“

Es enthält 9 Mini-Übungen für dich und dein Kind. Sie funktionieren genau so, wie ich es oben beschrieben habe: mit Fantasie, Bewegung und inneren Bildern. Aber vor allem alltagstauglich, kurz und ganz ohne Vorkenntnisse. Du brauchst keine Ausbildung, kein Equipment und auch kein freies Wochenende. Nur einen kurzen Moment und die Bereitschaft, es einfach mal auszuprobieren.

Übungen wie die Bienenatmung, die Panda-Haltung oder der Gefühlsdetektiv sind Einladungen, um aus dem Stressmodus raus, zurück in die Verbindung zu kommen.

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FAQ: Was Mamas mich am häufigsten fragen

Ab welchem Alter funktioniert Visualisierung mit Kindern? Grundsätzlich ab etwa drei bis vier Jahren, wenn Kinder beginnen, Fantasiebilder aktiv zu nutzen. Mit jüngeren Kindern kannst du einfachere, körpernahe Übungen wählen, wie zum Beispiel gemeinsames Schütteln oder Summen. Wichtiger als das Alter ist, dass ihr es gemeinsam macht, es sich gut  anfühlt und ihr dabei Spaß habt.

Was, wenn mein Kind bei der Übung nicht mitmacht? Kein Problem und kein Grund zur Sorge. Kinder machen oft mehr mit, als sie es zeigen. Manchmal reicht es, wenn du die Übung einfach vormachst, ohne Erwartung. Kein Druck, keine Pflicht. Der Reiz kommt oft von allein, wenn etwas spielerisch und ohne Zwang angeboten wird.

Muss ich selbst entspannt sein, damit es funktioniert? Nein! Und das ist die gute Nachricht. Die Übungen sind ausdrücklich auch für dich gedacht, nicht nur für dein Kind. Du musst nicht erst ruhig sein, um anzufangen. Du fängst an, und die Ruhe kommt mit. Dein Zustand überträgt sich auf dein Kind. Und umgekehrt gilt das Gleiche. Manchmal bringt uns das Mitmachen selbst zur Entspannung.

Fazit: Der wichtigste Gedanke zum Mitnehmen

Entspannungsübungen für Kinder wirken nicht automatisch, nur weil sie gut erklärt sind. Wenn Druck dahintersteckt, kommt genau das an: der Druck und nicht die Ruhe.

Reine Worte reichen in aufgewühlten Momenten oft nicht aus, weil der Stress im Körper sitzt und nicht im Kopf. Was dann hilft, ist ein Zugang, der das Nervensystem auf einer anderen Ebene erreicht, nämlich über Bilder, Fantasie und kleine, spielerische Momente. Also Visualisierung.

Bilder machen Gefühle greifbar. Sie laden ein, statt zu fordern. Und sie funktionieren nicht nur für dein Kind, sondern auch für dich als Mama, die mitten im Alltag einfach einen kleinen Moment zum Durchatmen braucht.

Entspannung beginnt nicht mit Funktionieren. Sie beginnt mit einem kleinen Schritt, der zu euch passt.

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